Projekte 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 


Die Ästhetik des negativen Augenblicks
oder
Wo ist die Kunst?


Betrachtungen zu einer Gemeinschaftsarbeit
der Gruppe WO02


Wo ist die Kunst? - Kunst kann nur werden, sie ist niemals.
Kunst ist immer im entfernten Dort und niemals im Hier. Das Werk hingegen, ja, es ist im Hier und Jetzt, will es aber Kunstwerk werden, muss sich etwas bewegen, etwas hinzukommen und etwas verschwinden, eine Regel des Rhythmus, erst wenn das eine geht, kann das andere kommen. Aufkommend mit dem Verschwinden des Augenblicks entsteht die Befürchtung: Da kommt noch etwas auf mich zu.

 

Wir sehen nur das, was uns anblickt. - Im Herankommen schenkt es mir einen Blick, blickt mich an. Diesem Blick gegenüber kann ich nicht unempfindlich bleiben, er dringt in mich ein, von außen nach innen. Im gleichen Maß verlasse ich das Aussehen, was ja der Blick ist, dieser verlässt mich, aber jetzt suche ich schon nach der Wiederholung der Empfindung, der Blick ist und bleibt verschwunden, ausgelöst durch Bewegung. Ich suche, getrieben von Mangel und Sehnsucht, nach ähnlichen Blicken, nach ähnlichen Ereignissen, damit die gehabte Empfindung zurückkehren möge.

 

Der Mangel, ausgelöst durch Sehnsucht, ist es, der uns im Angesicht des Verschwindens, augenblicklich aufbrechen und losgehen lässt.

Falsche Erwartung dabei: „Wenn du nicht so aussiehst, wie ich mir das vorstelle, mir wünsche, entziehe ich dir meine Sympathie.“ Kunst ist eben keine Geschmacksache, und außerdem lässt zuviel Erwartung dem Ereignis nur wenig oder keine Chance. Kunst ereignet sich. Wäre die Kunst im Werk enthalten, ihm gewissermaßen anhaftend, dann gäbe es eine Antwort auf die leider allzu übliche Frage: „Was ist Kunst?“ Da dies nicht der Fall ist, die Frage unbeantwortbar bleiben muss, scheint jedes Werk zu allererst diese andere Frage zu stellen:  „Wo ist die Kunst?“  Eine Frage nach einem entfernten Ort, und vorerst nicht nach einem Ding, nicht nach sich selbst, sondern vielmehr abstoßend davon. Bemüht man den Begriff  Zeit für dieses Bild, so ist das Werk gegenwärtig und die Kunst zukünftig.

 

Dieses Wo der vorab gestellten Frage scheint ja zumindest bereits die Richtung anzugeben, in die ich mich suchend bewege.

Der Horizont, dieser Nicht-Ort, gibt die Richtung beim Sich-auf-den-Weg-machen mit erwartungsvollem Blick nach vorn. Wir suchen im Dort, aufgerichtet, und nicht mehr wie unsere Vorfahren im Hier, gebückt in den Nischen des Unterholzes. Der Horizont ist uns immer gegenüber, bleibt unerreichbar. Deswegen brauchen wir Dinge, damit uns im Gegenüber etwas entgegensteht, was den Blick auf die Unendlichkeit des Horizonts verstellt, ihm entgegensteht. Indem wir Dinge schaffen, bilden wir Orte. Dinge sind nicht nur an einem Ort, sie können selbst Orte werden, eben so, wie Orte Dinge werden können. Der Nicht-Ort kann durch die Vorstellung eines Dinges zum Ort gewandelt werden. Die Sehnsucht nach der Weite des Horizonts unseres Denkens lässt die Kunst zwar unbedingt erscheinen, dann aber den dinglichen Aspekt der Sache Kunst allmählich verschwinden, in Sukzession beim Ablauf der Interpretation. Die Energie, die Kraft der Sehnsucht, innen gespürt, nach der Wiederkehr des einst von außen kommenden empfangenen Blicks macht es unmöglich, diesen genau so noch einmal zu empfangen. Man könnte sagen: „Bei den Dingen der Kunst, den Kunstwerken, handelt es sich um Halbdinge.“ Diesen Prozess des Fragmentierens verdanken wir dem Prozess des Denkens, dem Symbolisieren, wir können gar nicht anders. Die Vertreibung aus dem Paradies, ein Ort, an dem es uns an nichts mangelte, war ein Fall ins Denken, wie George Steiner es formulierte. Seitdem müssen wir Denken und können nichts mehr so sehen, wie es ist. Nichts ist nur so, wie es ist und auch nicht nur das, was es ist. In der Kunst kann man nicht bleiben, wo man ist. Wir müssen symbolisieren. Wir müssen aufbrechen.

 

Wir können also von der Kunst etwas über uns und unsere Existenz lernen. Mehr als das, wir können in der Kunst, im Gegensatz zum Leben, verschiedene Formen der Existenz beinahe konsequenz- und gefahrlos ausprobieren, uns neu erfinden. Etwas verschwindet und etwas anderes kommt herbei. Dazwischen liegen Mangel und Sehnsucht. Nur die Kunst schafft Durchlässe im voneinander Getrennten. Durch fragmentieren, und fragmentieren heisst vermenschlichen. Was uns von den Dingen, die uns entgegenstehen, trennt, ist die Notwendigkeit des Denkens, auch als die vorerst notwendige Katastrophe des Nichtverstehens bezeichnet, wahrscheinlich aber erst aus ihr hervorkommend.

 

Die Künstlerinnengruppe WO02, eine Gruppe von Künstlerinnen, lebt wie die meisten Gruppierungen vom Wechsel, vom Weggehen und vom Zusammenkommen. Sie brachen auf nach Südwestfrankreich zur AcadémieGalan, um im Rahmen dieses Kunstprojekts, an diesem Ort, in diesem Ding, erstmals eine gemeinsame Arbeit, ein Kunstwerk zu erstellen, was an diesem Ort verbleiben soll und somit als Ding ein Teil des Ortes, des Dinges wird. Dieser Aufenthaltsort, an dem sie sich trafen, bildete die Voraussetzungen für die Durchführung der mitgebrachten Idee. Die Realität des Ortes schaffte die Bedingungen, dann die Form des Werkes. Ding – Unbedingt – Ding.

 

Wenn jemand von Kunst sprechen will und danach fragt, so werden sie in Zukunft wahrscheinlich antworten: „Ach, sie meinen diese Tätigkeit die Kunst schafft.“ Die Fragenden haben nämlich, wie es meist der Fall ist und deswegen unterstellt, natürlich schon gewusst, und dies wiederum wissen jetzt die Künstlerinnen der Gruppe WO02, was Kunst ist, aber auf einmal sieht man es in einem anderen Licht, auf einmal wird der Brocken Kunst, dieser Eisberg, auf eine Tätigkeit, die auch ich machen kann, geschmolzen. Die Tätigkeiten stehen also im Vordergrund. Wichtig ist, was ihr daraus macht, gemeinsam und doch jede für sich.

 

Rolf Thiele